Un-sicht-bar?

Sichtbarkeit ist das Thema dieses Monats und schon seit ein paar Wochen denke ich darüber nach. Anfangs dachte ich noch, es sei ein relativ „leichtes“ Thema, aber diese Einschätzung ist nicht wirklich zutreffend. Denn Sichtbarkeit hängt ganz stark von der Perspektive ab und ist damit gar nicht so einfach einzuordnen.

Vier Episoden
Zum Thema Sichtbarkeit fallen mir vier kurze Episoden oder Erlebnisse ein.

Vor gar nicht allzu langer Zeit – in einem Moment des persönlichen und beruflichen Umbruchs – war ich bei einer Veranstaltung in Köln, bei der das Zürcher Ressourcenmodell vorgestellt und mit den Teilnehmern kurz „erprobt“ wurde. Ich kann mich nicht mehr an alle Schritte erinnern, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt mußte jeder von uns aus einer großen Auswahl von Bildern für sich selbst ein Bild aussuchen. Mein Blick fiel spontan auf das Bild eines feuerspeienden Vulkans – ein Bild von sehr viel Schönheit und Energie. In einer kleinen Gruppe haben wir dann für jeden einzelnen kurz erarbeitet, was das ausgesuchte Bild mit ihm/ihr zu tun hat. Für mich wurde an diesem Abend klar, daß mein Thema zu diesem Zeitpunkt meine eigene Sichtbarkeit war. Der rotglühende feuerspeiende Vulkan war weithin sichtbar, ich war zu diesem Zeitpunkt fast unsichtbar. Seitdem verbinde ich mit dem Gedanken der Sichtbarkeit diesen Abend und das wunderschöne Bild des Vulkans.

Interessanterweise war in meiner Kindheit Unsichtbarkeit der viel spannendere und größere Wert. Wie gern habe ich damals das Märchen Zwergenmützchen gehört (sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die dieses Märchen irgendwann gar nicht mehr hören „konnte“), wie spannend war der Gedanke „unsichtbar“ zu sein – man denke nur an das beliebte Versteckspiel.

Und online? Gerade vor ein paar Wochen habe ich an dem MOOC „Why we post“ auf der Plattform FutureLearn teilgenommen. Auch dort ging es in einem Kapitel um Sichtbarkeit – aber um Sichtbarkeit vor allem in bezug auf die Wirkung von Bildern (unter anderem Selfies) auf Social Media. Der Kurs hat mir sehr gut gefallen – gerade weil ich durch die Teilnahme einen sehr interessanten Einblick in die Social-Media-Nutzung in anderen Ländern bekommen habe. Das Kapitel „Sichtbarkeit“ (dort: „visibility“) hat mich aber auch nachdenklich gemacht. Ist Sichtbarkeit untrennbar mit Bildern verbunden? Was ist mit der Sichtbarkeit aufgrund von Beiträgen und Äußerungen?

Dabei fällt mir spontan der „Lurkerchat“ ein. Auf Twitter fand eine Zeit lang alle ein bis zwei Wochen ein Chat statt, in dem es um das Thema „lurken“ ging – also um Menschen, die zwar mitlesen oder neugierig zuschauen, sich aber nicht zu Wort melden und einbringen. Ist Sichtbarkeit online so wichtig, weil es so einfach ist, online unsichtbar und damit unerkannt zu bleiben?

Sichtbar oder unsichtbar? Eine Frage der Perspektive!
Wo, wenn nicht im Fragencafé, sind Fragen zu diesem Thema denkbar? Es sind Fragen, auf die ich noch nicht unbedingt eine Antwort habe, die ich vielleicht gar nicht beantworten kann. Trotzdem ist es spannend, über die unterschiedlichen Perspektiven und die damit zusammenhängenden Fragen, nachzudenken.

Will ich sichtbar sein?
Warum will ich sichtbar sein?
Für wen will ich sichtbar sein?
Für wen will ich nicht sichtbar sein?
Womit will ich sichtbar sein?
Womit will ich nicht sichtbar sein?
Wie will ich sichtbar sein?
Wie will ich nicht sichtbar sein?
Wann will ich sichtbar sein?
Wann will ich nicht sichtbar sein?
Wo will ich sichtbar sein?
Wo will ich nicht sichtbar sein?
Mit welchen Rollen/Teilen meines Lebens möchte ich sichtbar sein?
Was soll von mir nicht sichtbar sein?
Wann will ich nicht sichtbar sein?
Von wem möchte ich nicht gesehen werden?

Wie erreiche ich Sichtbarkeit?
Ist Sichtbarkeit für mich positiv oder hängt dies von Themen/Bereichen ab?
Ist Sichtbarkeit ein dynamischer Prozeß oder ein flüchtiger Moment?
Wie läßt sich Sichtbarkeit nachhaltig erreichen?
Woran merke ich, daß ich sichtbar bin?
Woran merke ich, daß ich gesehen werde?
Woran merke ich, daß ich nicht sichtbar bin?
Woran merke ich, daß ich nicht gesehen werde?
Braucht Sichtbarkeit Zeit und Geduld?
Sind Sichtbarkeit und Gesehenwerden verbunden?

Wer sieht mich?
Wer will micht überhaupt sehen?
Was sehen die Betrachter?
Was wollen die Betrachter sehen?
Was wollen die Betrachter nicht sehen?
Passen die Erwartungen/Wünsche der Betrachter zu meinen Erwartungen/Wünschen?
Wo wollen die Betrachter mich sehen?
Wo wollen die Betrachter mich nicht sehen?
Wann wollen die Betrachter mich sehen?
Wann wollen die Betrachter mich nicht sehen?
Warum wollen die Betrachter mich sehen?
Warum wollen die Betrachter mich nicht sehen?

Noch Fragen?
Ja, vermutlich gibt es noch mehr Fragen zu diesem spannenden Thema und vermutlich wäre es auch spannend, sich mit diesen Fragen und Aspekten etwas tiefer zu beschäftigen. Das werde ich hoffentlich in den nächsten Tagen und Wochen auch noch tun. Aber jetzt will ich erst einmal wissen, ob Sie/Ihr Fragen oder Anmerkungen habt. Ich bin schließlich neugierig! Ob ich wohl irgendeinen Komemntar sehen werde?

Wer ist denn hier (un-) geduldig?

Geduldig habe ich auf eine Eingebung zum Thema dieses Monats gewartet – nämlich zum Thema „Geduld“, gelassen habe ich die Tage ziehen lassen, ohne etwas zu schreiben und mit Ausdauer habe ich viel gelesen und doch alle Ideen wieder verworfen. Und nun?

Nun ist der Abend des letzten Tages dieses Monats angebrochen, draußen wird es langsam dunkel und es bleiben nur noch ein paar Stunden, um etwas zum Thema Geduld zu schreiben. Sind das jetzt besonders gute oder besonders schlechte Voraussetzungen, um sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Was macht Geduld eigentlich aus?
Ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer wieder darüber nachgedacht, was Geduld für mich überhaupt inhaltlich bedeutet. Es ist ein sperriger Begriff, den ich – zumindest bewußt – eher selten nutze. Es sind andere Worte oder Konzepte, die für mich Facetten der Geduld ausdrücken – sehr viel präziser als „Geduld“.

In vielen Bereichen – so zum Beispiel beim Rätsellösen (a propos: haben Sie/habt Ihr das Kreuzworträtsel zum Thema Vielfalt schon gelöst?), bei kniffligen Aufgaben, beim Lesen umfangreicher Texte und beim Sprachenlernen ist Ausdauer wichtig. Nicht immer findet man sofort eine Lösung oder kann sich sofort in einer fremden Sprache verständigen. Oft ist es mühsam, an einer Aufgabe, einem Rätsel, einer Sprache „dranzubleiben“, ein dickes Buch bis zur letzten Seite durchzulesen – gerade dann, wenn man das Gefühl hat, daß man nicht weiterkommt. Das, was einen dann weiterträgt, ist Ausdauer.

Geduld verbinde ich auch mit Warten – also mit Wartezeiten, vor allem mit unangenehmen und nervigen Wartezeiten. Wie oft warten wir im Alltag – auf den Bus oder den Zug, an der Supermarktkasse, bei Ärzten oder Behörden, auf Prüfungsergebnisse. Dieses Warten ist zwar meistens nicht vergeblich – also nicht wie das Warten auf Godot – aber trotzdem selten so vergnüglich wie das mit einem Adventskalender versüßte Warten auf die Weihnachtszeit. Sehr treffend ist da der Untertitel des Buches „Warten“ von Friederike Gräff – der lautet nämlich „Erkundungen eines ungeliebten Zustands“.

Warten als ungeliebter Zustand? Ja und nein, denn an dieser Stelle kommt für mich auch Gelassenheit ins Spiel. Ausdauer und Gelassenheit ergänzen sich für mich. Natürlich kann ich eine fremde Sprache nicht in ein paar Tagen lernen und für das Lesen längerer Texte brauche auch ich manchmal ein bißchen mehr Zeit. Das Gefühl, daß ich nicht alles sofort machen oder schaffen muß, gibt mir die Gelassenheit, Dinge auch mal ruhen zu lassen. Gleichzeitig kann ich auch ganz gelassen beim Warten ein Buch oder eine Zeitung lesen (oder auch mal bei Twitter mitlesen). Das richtige Maß Ausdauer hilft bei aller Gelassenheit dann aber auch, sich nicht ständig ablenken zu lassen, denn natürlich gibt es eine ganze Vielfalt spannender Bücher, Aufgaben, Themen …….

Was für mich wirklich am Begriff Geduld „sperrig“ ist, ist der Gedanke des Duldens. Dulden – also hinnehmen – ist für mich eher etwas Passives. Ich erleide etwas, ich nehme es hin ohne mich zu wehren, ohne etwas zu ändern. Einerseits ist dieses Erleiden oder Dulden durchaus in vielen Situationen zutreffend – nicht zuletzt wenn es um Krankheiten geht. Sehr aktuell ist da gerade heute der Bericht von Claudius Holler über seine Krebserkrankung mit dem Hashtag #hollerkaputt. Wir können uns unser Schicksal nicht aussuchen, aber wir können zumindest versuchen zu entscheiden, wie wir damit umgehen. Das ist übrigens auch das, was Viktor Frankl sehr bewundernswert in seinem Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen zum Ausdruck bringt. Es gibt übrigens ein sehr schönes Video mit beziehungsweise über Viktor Frankl – absolut sehens- und hörenswert!

Tugend oder Laster?
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Geduld – so wie ich sie eben beschrieben habe – eine Tugend oder (zumindest manchmal) ein Laster ist. Das gelassene Warten kann zur Prokrastination entarten, die Ausdauer zur Obsession, das Dulden zu Teilnahmslosigkeit oder zu Hyperaktivität. Es ist – wie wohl fast immer – eine Frage der konkreten Umstände und des Maßhaltens. Das ist aber manchmal gar nicht so einfach. Oft erkennt man erst im Nachhinein, daß etwas an sich Positives sich im Laufe der Zeit in etwas Negatives verkehrt hat. Wer kennt nicht das berühmte „tote Pferd“, das doch noch weiter geritten wird.

Und wie ist es mit der Ungeduld? Wenn Geduld positive und negative Aspekte haben kann, ist dann auch Ungeduld ähnlich ambivalent? Irritierenderweise habe ich bei der Suche nach „Ungeduld Tugend“ einen Link zu „Ungeduld ist die Tugend der Verlierer“ gefunden. Ist das die einzig mögliche Sichtweise? Ich hoffe nicht, denn wie würden wir uns sonst neuen Themen, Fragen und Ansätzen zuwenden. Ist dafür nicht auch immer ein Verlassen des Alten und Beständigen notwendig und damit ein Bruch mit der Ausdauer und dem Warten?

Und ich: bin ich eigentlich geduldig?
Irgendwie ist der Beitrag nicht vollständig, ohne einen Blick auf mich selbst. Es gibt ja zu allem irgendwelche Tests – so natürlich auch zum Thema „Geduld“. Einen solchen Test habe ich spaßeshalber gerade mal gemacht – ich lasse für das Projekt ja fast nichts unversucht (kommt eigentlich irgendwann auch das Thema „Übertreibung“?). Das Ergebnis: sehr geduldig. Einerseits bin ich mit dem Ergebnis zufrieden, denn in vielen Bereichen paßt das durchaus (zum Beispiel Aufbau von Kontakten, Vernetzung, Fremdsprachen, Bücher), andererseits gibt es auch durchaus Bereiche in denen das nicht paßt (nein, keine Beispiele!).

Eigentlich gefällt mir der Gedanke der Ambivalenz für mich persönlich am besten – Geduld da als Stärke zu sehen, wo ich im langsamen Aufbau etwas erreichen kann und will, aber Geduld nicht um ihrer selbst zu schätzen, sondern auch immer wieder zu hinterfragen, ob Geduld bei einem bestimmten Bereich oder Projekt überhaupt Sinn macht.

Und Sie?
Ja, ich bin neugierig! Deshalb erlaube ich mir hier am Ende die Frage, wie es Ihnen/Euch mit dem Thema „Geduld“ ergeht? Über Fragen und Antworten würde ich mich freuen!

Wie geht man mit Vielfalt um?

Vielfalt als Thema für einen ganzen Monat? Eine schöne Idee. Eigentlich. Aber die Umsetzung ist dann doch schwieriger als gedacht. Wenn Vielfalt bedeutet, daß man alles machen kann, dann steht vor dem Machen die Entscheidung, die Qual der Wahl, die Belastung mit der Verantwortung, sich vielleicht falsch zu entscheiden. Falsch entscheiden bei einem Blogthema? Nein, das ist nicht das Problem – aber die Frage Chance oder Risiko wird beim Thema Vielfalt gleich „mitgeliefert“. Tagelang sortiere ich Ideen, überlege, verwerfe wieder. Und dann weiß ich endlich, was ich machen will – ein Kreuzworträtsel rund um das Thema Vielfalt. Ob es mir gelingen wird? Keine Ahnung, aber ich möchte diese Seiten nutzen, um Dinge zu probieren, die ich bisher nicht probiert habe. Und wenn es nicht richtig gut wird? Ja, dann ist das halt so. Das ist eine der schwierigen Folgen der Vielfalt. Wenn wir wahnsinnig viele Auswahlmöglichkeiten haben, dann können wir etwas suchen/ausprobieren, bis es „perfekt“ ist, wir können aber auch einfach sagen „das ist jetzt für mich ok“ und ein gewisses Mittelmaß akzeptieren. Barry Schwartz schreibt darüber in seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“ und in Gedanken an sein Buch kann ich jetzt diesen Beitrag und mein erstes Kreuzworträtsel einfach „so“ stehenlassen. Vielleicht ist ja jemand neugierig genug, das Rätsel auszuprobieren.

Das Rätsel finden Sie/findet Ihr direkt hier „Über-die-Vielfalt“ oder online hier:
Online kann man übrigens direkt erkennen, ob eine Lösung richtig oder falsch ist. Beim Ausfüllen ist das Feld blau unterlegt. Wenn man den Eintrag mit der Returntaste bestätigt, dann wird der Eintrag entweder grün (richtig) oder rot (nicht richtig). Viel Spaß beim Ausprobieren!

Thema des Monats: Vielfalt

Es war ruhig im Fragencafé die letzten Monate. An Fragen hat es nicht gemangelt, eher an den Ressourcen, sich damit zu beschäftigen.
Das wird in 2016 nun anders. Aus einer Vielzahl von Begriffen haben wir per Zufallsgenerator Themen ausgesucht, denen wir uns in den kommenden 12 Monaten hier im Fragencafe widmen werden. Wie genau das aussehen wird? Lassen Sie sich überraschen.

Passend zum Monatsthema „Vielfalt“ gibt das wordle einen Überblick auf die Themen, die Sie erwarten:

wordle_02
Die Monatsthemen 2016 im Fragencafé