Dialog zur Blogparade “#digiform” – was hat uns die “digitale Reformation”* gebracht?

A: Sag mal Ruth, hast Du eigentlich die Blogparade #digiform gesehen? Die läuft noch bis zum 31.12.2017 und es geht um das Thema “Was hat uns die “digitale Reformation”* gebracht?” Sollen wir da mal mitmachen?

https://www.zielbar.de/magazin/blogparade-digitale-transformation-digiform-17588/

R: Ja, gute Idee!

A: Empfindest Du die bisherige Entwicklung eigentlich als “digitale Reformation”? Ich hadere ein bisschen mit dem Begriff “Reformation” und frage mich auch, ob wir aus dem “jetzt” das schon bewerten und benennen können.

R: Reformation ist für mich eine Sache, die ich rückblickend betrachte, weil sie abgeschlossen ist. Die Veränderungen, die durch die Digitalisierung passieren, sind ja noch voll im Gange. Sofern ist der Begriff für mich nicht stimmig.

A: Da sprichst Du zwei spannende Aspekte an: die rückwirkende Betrachtung und das Thema Veränderung. Was hat sich denn durch die Digitalisierung verändert?

R: In der erster Linie schon irgendwie unsere Kommunikation, also die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren. Im Alltag, im Beruf, im Privatleben.

A: Einerseits stimme ich Dir zu. Andererseits, was unterscheidet unsere Art der Kommunikation denn von der, die zum Beispiel Goethe und Schiller pflegten? Was hat sich wirklich geändert?

R: Interessante Frage! Ich bin mir sicher, dass beide nicht auf Twitter waren 😉. Sie waren bestimmt fleißige Briefeschreiber. Aber warum sollte das für uns heute Bedeutung haben?

A: Ist denn das “Medium” – also Brief oder Tweet – entscheidend für unser Verständnis von Kommunikation? Führt jedes neue Medium zu einem Kommunikationswandel?

R: Kommunikation ist mehr als nur das Medium. Natürlich verändern sich die Tools, die wir nutzen. Genauso wie sich unsere Sprache weiterentwickelt. Es wäre sicherlich sehr interessant Tweets von Goethe zu lesen.

A: Das glaube ich auch! Aber es ist ja ein normaler und dynamischer Prozess, das Sprache sich verändert. Das war immer so und hat mit Digitalisierung nichts zu tun. Was hat sich denn durch die Digitalisierung verändert?

R: Wir erleben quasi eine Medienevolution, die extrem getrieben wird von technischen Innovationen. Damit verändern sich unsere Kommunikationsmittel und die Art, wie wir damit umgehen, grundlegend.

A: Also verändern sich vor allem die Rahmenbedingungen unserer Kommunikation? Zum Beispiel das “wie” und das “wann”?

R: Mit Hilfe unserer Smartphones sind wir heute jederzeit erreichbar, ob wir das wollen oder nicht. Gefühlt kommunizieren wir auch viel häufiger als früher, ganz einfach, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Es ist unkompliziert und praktisch, sich schnell mal mit jemanden auszutauschen, Informationen zu erfragen oder unseren Gefühlsstatus mitzuteilen.

A: Der Aspekt der Geschwindigkeit und Einfachheit ist mir auch aufgefallen. Aber was macht das mit uns als Lesern oder Empfängern von Kommunikation? Und ist das, was wir lesen oder empfangen noch wichtig für uns? Freue ich mich über Tweets genauso wie früher über eine Postkarte oder einen handgeschriebenen Brief?

R: Schwer zu sagen. Wenn ich an meine Brieffreundschaften aus der Schulzeit zurückdenke, so konnte ich die Antwort auf meine Briefe kaum erwarten.

A: Also Vorfreude auf die Antwort? Das ist bei Tweets natürlich auch denkbar. Aber was ist zum Beispiel bei einem Tweet, wenn niemand antwortet?

R: Das kommt auf die eigene Erwartungshaltung an. Warum habe ich den Post geschrieben, was war meine Intention dabei? Vielleicht will ich ja keine Antwort.

A: Das macht mich als Leserin ja irgendwie ratlos. Woher soll ich wissen, ob Du eine Antwort willst? Wie kann ich Deine Intention erkennen? Oder kann ich das gar nicht? Das war bei den alten Brieffreundschaften irgendwie leichter.

R: Ja, weil die Brieffreundschaft ja per Definition auf einem Austausch aufbaut.

A: Also auf gemeinsamen Erwartungen?

R: Ja, im Grunde schon. obwohl ich mir früher bei meinen Freundschaften manchmal eine schnellere Antwort gewünscht hätte.

A: Ja, stimmt – wobei ich auch nicht immer richtig schnell geantwortet habe… Aber hat sich der Wunsch nach Geschwindigkeit durch die sozialen Medien nicht verstärkt? Es kommt ja die Möglichkeit des “Wiederholens” und “Nachhakens” dazu.

R: Die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung erscheint mir nicht das Problem zu sein. Vielmehr gehen wir als Sender davon aus, dass unsere Nachricht für den Empfänger die gleiche Dringlichkeit hat wie für uns. Das dürfte in den meisten Fällen allerdings nicht zutreffen.

A: Das war früher ja auch so. Trotzdem haben wir dann – ungeduldig – auf die Antwort gewartet. Aber die Kombination mit der ständigen Erreichbarkeit und der Einfachheit einer Reaktion erhöht die Erwartungshaltung beim Sender.

R: Und führt oftmals beim Empfänger zu Stress, weil man die Erwartung ahnt und sich zur schnellen Reaktion verpflichtet fühlt.

A: Also sollten wir echt mal offen über eigene und fremde Erwartungen an unsere Kommunikation und unser Kommunikationsverhalten sprechen. Hältst Du ein offenes Gespräch darüber für möglich?

R: Warum sollte das nicht möglich sein?

A: Ja, gute Frage. Vielleicht weil Gespräche in den sozialen Medien – gerade auch mit vielen “Unbekannten” – manchmal schwierig sind. Was im persönlichen Gespräch gut funktioniert, kann in den sozialen Medien plötzlich eskalieren und dazu führen, dass man sich Menschen mit einer deutlich ablehnenden Haltung gegenübersieht. Was dann?

R: Ehrlich gesagt habe ich persönlich es selten erlebt, dass Themen innerhalb meiner Timeline wirklich eskaliert sind. Meistens wurde kontrovers diskutiert oder man hat am Ende festgestellt, dass aneinander vorbeigeredet wurde, weil Aussagen falsch verstanden wurden.

A: Also klassische Kommunikationsprobleme? Ich lese etwas von Dir, empfinde es vor meinem persönlichen Hintergrund auf eine bestimmte Art und Weise, antworte dementsprechend – ohne zu hinterfragen, ob Du das auch so gemeint hast.

R: Ja, das klassische Sender-Empfänger-Problem. Aber ich habe dennoch den Eindruck, dass es immer schwieriger wird, verstanden zu werden. Insbesondere auf Facebook fällt mir das bei vielen Beiträgen auf.

A: Ich sehe das auch in vielen Twitterdiskussionen und bei manchen Themen zögere ich oft auch, etwas zu schreiben, weil ich nicht sicher bin, ob es den Schreibenden/Lesenden wirklich wichtig ist, die jeweils anderen zu verstehen und miteinander zu sprechen.

R: Es kommt halt darauf an, was derjenige mit seinem Post bezwecken möchte. Will er sich selbst darstellen oder mit anderen ins Gespräch kommen.

A: Und was ist, wenn ich die Absicht falsch verstehe?

R: Das kann immer passieren. Da hilft nur rückfragen. So wie im persönlichen Gespräch auch.

A: Ja, das würde helfen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass Rückfragen oder Verständnisfragen offline oder online häufig gestellt werden. Müssen wir lernen zu fragen, bevor wir antworten?

R: Das wäre eine Möglichkeit. Wir könnten aber auch versuchen das, was andere sagen, möglichst neutral und unvoreingenommen zu hören bzw. zu lesen.

A: Das hilft aber nur dann, wenn “alle” das tun, sonst wird man möglicherweise zum komischen Außenseiter, der alle versteht und keine eigene Meinung äußert.

R: Etwas verstehen bedeutet ja nicht, dass ich damit einverstanden bin. Ich kann dazu durchaus eine andere Meinung haben.

A: Völlig richtig. Aber in vielen Diskussionen wird genau diese Unterscheidung nicht (oder nicht mehr) gemacht. Fühlen wir uns vielleicht deswegen online manchmal hilflos und überfordert, weil wir zwar ständig kommunizieren aber keine Kommunikationsexperten sind?

R: Müssen wir das denn sein? Würde es nicht schon ausreichen, einfach nur etwas Interesse am Anderen zu zeigen? Sich für seine Sicht der Dinge interessieren?

A: Ist das nicht gerade das Sahnehäubchen gelungener Kommunikation?

R: Nicht nur das. Es würde auch unser Miteinander in allen Bereichen der Gesellschaft einfacher und verständnisvoller machen.

A: Bei Menschen, die man kennt, ist das ja schon schwierig. Aber bei Unbekannten kann das – gerade auch online – eine größere Herausforderung sein.

R: Wieso eigentlich?

A: Weil es manchmal – ohne persönliche Begegnung – sehr schwierig ist, die Sicht des anderen überhaupt wahrzunehmen.

R: Vielleicht müssen wir diese Art und Weise der Kommunikation noch lernen, um auch online andere besser zu verstehen und selbst besser verstanden zu werden.

A: Ja. stimmt. Wenn wir für heute zum Ende kommen: Was ist im Moment Dein Fazit zum Thema “digitale Reformation”?

R: Eine Erneuerung durch die Digitalisierung im Sinne einer Reformation würde ich so nicht sehen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die neuen Kommunikationsmittel und -wege, sowie die damit verbundene Beschleunigung, die schon immer vorhandenen Defizite in unserem Kommunikationsverhalten schonungslos offenlegen. Damit können wir erkennen, was wir verbessern können.

A: Das ist ein spannendes Fazit und ein guter Ausgangspunkt für das, was wir in 2018 machen werden! Danke für das tolle Gespräch!

Das Gespräch führten Astrid Christofori und Ruth Konter-Mannweiler.

* Die Anführungszeichen haben wir nachträglich ergänzt, damit die Schreibweise identisch ist mit dem Originaltext.