Sichtbarkeit und Haltung

R: Sag mal Astrid, was meinst Du, braucht Haltung Sichtbarkeit?

A: Wie meinst Du das? Warum sollten Haltung und Sichtbarkeit zusammenhängen?

R: Was bringt die beste Haltung, wenn sie nicht gesehen oder wahrgenommen wird?

A: Würde Haltung damit nicht erst dann entstehen, wenn jemand “zuschaut” und das Handeln als Haltung wahrnimmt? Ist das wirklich eine Existenzbedingung für Haltung?

R: Sicherlich entsteht Haltung nicht erst durch Sichtbarkeit, sondern ist schon vorher da. Aber wirkliche Bedeutung bekommt sie meiner Meinung nach erst, wenn sie auch sichtbar wird nach außen.

A: Ist es nicht eher eine Frage der Glaubwürdigkeit, ob ich in einem bestimmten – möglicherweise sogar kritischen – Moment im Einklang mit meiner Haltung reagiere und handele?

R: Glaubwürdigkeit wäre für mich die Summe von Haltung und Sichtbarkeit.

A: Ja, eben. Ohne Sichtbarkeit der Haltung keine Glaubwürdigkeit, aber für das Vorhandensein der Haltung ist Sichtbarkeit nicht notwendig.

R: Also könnte man sagen, dass der entscheidende Punkt immer die Glaubwürdigkeit ist, an der man die Haltung messen kann.

A: Ja, ich glaube, dass das so ist. Wenn ich behaupte nach christlichen Werten zu leben und im Krisenfall aber überhaupt nicht danach handele, dann bin ich im Hinblick auf die behauptete Haltung nicht glaubwürdig.

R: Wenn ich also mein Handeln an meiner Haltung ausrichte, dann bin ich glaubwürdig. Unabhängig davon, ob mein Handeln für andere sichtbar ist oder nicht.

A: Genau! Wichtig ist vielmehr, ob Du Handeln und Haltung als stimmig empfindest oder ob Du Dein eigenes Handeln als inkonsistent, also als Verstoß gegen Deine Prinzipien ansiehst. Ein gutes Beispiel ist der eigene Umgang mit dem Thema Umweltschutz – es ist uns eigentlich wichtig, aber im Alltag verstoßen wir doch oft gegen unsere eigenen Prinzipien …..

R: Zusammenfassend würde ich sagen, Haltung ist keine Frage der Sichtbarkeit, sondern der Glaubwürdigkeit sich selbst gegenüber.

A: Das ist eine wunderbare Zusammenfassung unseres Gesprächs, Ruth!

R: Vielen Dank liebe Astrid. Jetzt bin ich sehr gespannt auf die Kommentare unserer Leser*innen.

republica in Berlin – immer wieder gerne! Warum eigentlich?

Nach einem Jahr Pause zieht es mich dieses Jahr wieder nach Berlin. Zur #rp18. Aber nicht nur das umfangreiche Programm und der besondere Charme der Station wirken anziehend, sondern auch die Aussicht, viele aus dem Netzwerk endlich mal wieder persönlich zu treffen.

Gemeinsam mit Astrid Christofori bin ich dieses Jahr auch mit dem “Fragencafe” unterwegs. Wir möchten mit möglichst vielen TeilnehmerInnen ins Gespräch kommen und Fragen diskutieren rund um die Sessions der #rp18 und andere aktuelle Themen, die uns beschäftigen.

Wir freuen uns darauf, euch zu treffen:
persönlich vor Ort oder auch über Twitter
@A_Christofori, @kontermann , @fragencafe

Unser Erkennungszeichen auf der #rp18:

Tasche Fragencafe.de

 

Heute ist “Stell-eine-Frage-Tag”

A: Sag mal Ruth, weißt Du eigentlich, dass am 14.03.2018 der “Stell-eine-Frage-Tag” ist? Ich habe das zufällig gelesen und finde, wir sollten das aufgreifen. Das ist doch unser Thema!

R: Ja, warum nicht?

A: “Warum” ist ein gutes Stichwort!  Das ist wohl die Frage, die jeder Mensch sich schon gestellt hat. Warum ist etwas schiefgelaufen, warum bin ich nicht so erfolgreich, wie andere …, warum, warum, warum?

R: Oh, das Wort “warum” hat es in sich. Je nach Kontext kann es dabei helfen, Dinge zu hinterfragen und für Klarheit zu sorgen. Es kann aber im Gespräch auch leicht als Vorwurf aufgefasst werden. Insbesondere wenn ich mir selbst eine Warum-Frage stelle, habe ich oft das Gefühl, ich mich muss mich mit einer Antwort rechtfertigen.

A: Rechtfertigen vor Dir selbst?

R: Rechtfertigen trifft es nicht so ganz. Da ist eher sowas wie eine Bestätigung, dass ich einen Fehler gemacht habe.

A: Hmmm, wenn Du Dir selbst eine Warum-Frage stellst, dann weißt Du schon, dass Du etwas falsch gemacht hast? Und dann? Was machst Du mit diesem Wissen?

R: Eine Warum-Frage richte ich meist an mich, wenn mir eine Entscheidung im Vorfeld schon schwer gefallen ist. Stelle ich im nachhinein fest, dass es besser gewesen wäre, es anders zu machen, dann taucht dieses “warum” auf.

A: Hilft Dir dieser Blick auf die Vergangenheit denn für die Zukunft?

R: Der Rückblick ist eher frustrierend. Wenn es mir allerdings gelingt, den Blick bewusst auf zukünftige Entscheidungen zu richten, kann ich durchaus einen Nutzen daraus ziehen und es beim nächsten Mal anders machen.

A: Schaffst Du mit dem “warum” tatsächlich einen Richtungswechsel?

R: Das Warum alleine reicht dafür natürlich nicht aus. Ich muss mir schon die Gründe einer Entscheidung noch mal bewusst machen und analysieren. Dann erst kann ich den Blick auf Neues richten und mir eine andere Strategie überlegen.

A: Wie machst Du das denn? Gibt es eine Frage, die Du Dir nach der Warum-Frage stellst?

R: Ich versuche, das Warum umzuformulieren in “welchen guten Grund hattest Du für….”. Damit komme ich zurück in eine wertschätzende Haltung und kann meine Entscheidung akzeptieren. Erst danach habe ich den Kopf frei, um mich ohne Druck oder Vorwürfe auf zukünftige Entscheidungen zu konzentrieren.

A: Für die Zukunft müssen wir uns also andere Fragen stellen als für die Vergangenheit?

R: “Um Neues zu schaffen, muss man alles infrage stellen.” sagte die berühmte Designerin Eileen Gray, die bekannt dafür war, sich immer wieder neu zu erfinden und ihren Stil radikal zu ändern.

A: Infrage stellen finde ich sehr ansprechend. Ich fände es schön, wenn wir – gerade auch für den 14.03.2018 – Fragen sammeln, die wir uns selber stellen können und die uns vom “warum” wegbringen. Ich halte es da mit Oscar Wilde “Eine Frage ist immer die Mühe wert, eine Antwort nicht immer.”

Deswegen laden wir auch alle ein, mit uns “hier” oder über Twitter Fragen zu teilen und zu sammeln, die sie sich selbst stellen oder anderen stellen möchten.

Neugierig? Unsere Fragen sind hier.

Gute Frage, oder?

A: Sag mal Ruth, warum schreiben wir eigentlich im “Fragencafé”?

R: Was für eine Frage! Natürlich weil wir Fragen toll finden.

A: Aber die eigentlich spannende Frage ist ja: Warum finden wir Fragen toll?

R: Fragen machen den Raum frei für Antworten, Möglichkeiten, Ideen, Impulse. Sie lassen einen ins Gespräch kommen.

A: Das ist eine schöne Erklärung. Nutzt Du oft Fragen, um Gespräche anzufangen?

R: Es könnte öfter sein. Manchmal fehlt mir einfach der Mut.

A: Das ist ein sehr interessanter Aspekt. Fehlt Dir der Mut, eine Frage zu stellen oder fehlt Dir eher der Mut, das Gespräch, das durch die Frage entsteht, in seiner ganzen möglichen Tiefe zu führen?.

R: Weder noch. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich die Antwort auf eine Frage überhaupt hören bzw. wissen möchte. Wie ist das bei Dir?

A: Dazu fällt mir eine kleine Anekdote ein. Vor längerer Zeit ging ich mit meiner Mutter spazieren. Unterwegs begegneten wir Bekannten meiner Mutter, einem Ehepaar aus der Umgebung. Sie fragte meine Mutter: “Wie geht es Ihnen?” Meine Mutter antwortete ganz ehrlich: “Nicht gut.”. “Oh, das ist schön!” antwortete sie, der Ehemann war leicht irritiert. Er fragte sie: “Hast Du eigentlich gehört, was Frau C. gesagt hat?” Das war für mich ein ganz einschneidendes Beispiel dafür, dass man selbst belanglos erscheinende Fragen nur dann stellen sollte, wenn man die Antwort wirklich hören will!

R: Unglaublich! Genau das meinte ich vorhin. Im Fragencafé wollen wir das so aber nicht haben. Hier stellen wir solche Fragen, an deren Beantwortung wir wirklich interessiert sind.

A: Ja, das ist unheimlich wichtig. Wenn ich auf eine Frage antworte, dann möchte ich, dass der/die Fragende sich auch die Zeit nimmt, meine Antwort wahrzunehmen. Schließlich nehme ich mir ja auch die Zeit, auf die Frage zu antworten.

R: Nur wahrnehmen?

A: Ja, zum Beispiel mit “danke für Deine Antwort” oder mit “ach, das ist ja interessant”. Wenn jemand auf meine Antwort gar nicht eingeht oder nur eine “Fragenliste” abspult, dann kommt es nicht zu einem Gespräch, das kann dann schnell oberflächlich und uninteressant werden.

R: Ich finde, man merkt schnell, ob eine Frage aus wirklichem Interesse gestellt wird oder eher auf Grund gesellschaftlicher Konventionen.

A: Ganz so streng bin ich da nicht. Eine “gesellschaftlich übliche” Frage kann ein guter Gesprächseinstieg sein, wenn der/die Fragende zuhört und die Antwort irgendwie aufgreift. Wenn mich bei einer Feier jemand fragt, woher ich die Einladende/den Einladenden kenne und sich aus meiner Antwort ein Gespräch ergibt, dann ist das ein guter Start. Wenn einfach nur eine völlig andere Frage kommt, dann eher nicht.

R: Wenn man Dich dann quasi nach Deinem Haus, Auto, Boot abfragt, ist doch eigentlich klar, dass das Interesse nicht wirklich Dir gilt.

A: Es ist mir zumindest klar, dass ich in dem Moment nicht die richtige Gesprächspartnerin bin und das ist doch auch eine wichtige Erkenntnis. Zeit für ein Gespräch möchte ich mir vor allem dann nehmen, wenn sich das Gespräch gut anfühlt, wenn ich neugierig auf das Gespräch bin.

R: Könnte man sagen, dass eine gute Frage Deine Gesprächsbereitschaft erhöht?

A: Ja, sicher oder ein gutes “Verarbeiten” meiner Antwort auf eine Frage. Es entscheidet sich vor allem nach meiner Antwort, ob und wie ein Gespräch sich entwickelt. Vielleicht führt meine Antwort ja auch dazu, dass der/die Fragende das Interesse am Gespräch verliert.

R: Dann gibt es also gar keine guten oder schlechten Fragen, sondern nur passende oder unpassende Reaktionen auf die Antwort?

A: Spannende Frage! Eine “gute” Frage, die nichts auslöst oder die nicht zur Situation passt, verpufft ja irgendwie. Eine vermeintlich schlechte Frage, die etwas auslöst und wenn man nur über “das ist aber eine blöde Frage” ins Gespräch kommt, kann wiederum viel bewirken. Wichtig ist eigentlich das Ziel – was will ich mit einer Frage bewirken?

R: Wann ist eine Frage “gut” und wer entscheidet das?

A: Beide Gesprächspartner tragen ja zum Gelingen oder Scheitern eines Gesprächs bei. Eigentlich entscheidet sich der Verlauf eines Gesprächs oft gleich am Anfang. Wenn ich die Frage nicht gut finde und das bewerte ich ja ganz subjektiv und ohne großes Nachdenken als Gefragte, dann werde ich nicht “gut” antworten. Wenn der/die Fragende das wahrnimmt und darauf irgendwie eingeht, dann klappt es trotzdem. Und wenn er/sie es nicht merkt oder es ihm/ihr nicht wichtig ist, dann versandet das Gespräch.

R: Ich finde, das bringt unsere Idee mit dem Fragencafé wunderbar auf den Punkt. Wir stellen Fragen, weil wir an vielen Themen interessiert sind und dazu mit unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch kommen möchten.

A: Ja, das ist eine wunderbare Zusammenfassung. Oder noch kürzer: wir sind neugierig und das ist gut so!

 

Dialog zur Blogparade “#digiform” – was hat uns die “digitale Reformation”* gebracht?

A: Sag mal Ruth, hast Du eigentlich die Blogparade #digiform gesehen? Die läuft noch bis zum 31.12.2017 und es geht um das Thema “Was hat uns die “digitale Reformation”* gebracht?” Sollen wir da mal mitmachen?

https://www.zielbar.de/magazin/blogparade-digitale-transformation-digiform-17588/

R: Ja, gute Idee!

A: Empfindest Du die bisherige Entwicklung eigentlich als “digitale Reformation”? Ich hadere ein bisschen mit dem Begriff “Reformation” und frage mich auch, ob wir aus dem “jetzt” das schon bewerten und benennen können.

R: Reformation ist für mich eine Sache, die ich rückblickend betrachte, weil sie abgeschlossen ist. Die Veränderungen, die durch die Digitalisierung passieren, sind ja noch voll im Gange. Sofern ist der Begriff für mich nicht stimmig.

A: Da sprichst Du zwei spannende Aspekte an: die rückwirkende Betrachtung und das Thema Veränderung. Was hat sich denn durch die Digitalisierung verändert?

R: In der erster Linie schon irgendwie unsere Kommunikation, also die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren. Im Alltag, im Beruf, im Privatleben.

A: Einerseits stimme ich Dir zu. Andererseits, was unterscheidet unsere Art der Kommunikation denn von der, die zum Beispiel Goethe und Schiller pflegten? Was hat sich wirklich geändert?

R: Interessante Frage! Ich bin mir sicher, dass beide nicht auf Twitter waren 😉. Sie waren bestimmt fleißige Briefeschreiber. Aber warum sollte das für uns heute Bedeutung haben?

A: Ist denn das “Medium” – also Brief oder Tweet – entscheidend für unser Verständnis von Kommunikation? Führt jedes neue Medium zu einem Kommunikationswandel?

R: Kommunikation ist mehr als nur das Medium. Natürlich verändern sich die Tools, die wir nutzen. Genauso wie sich unsere Sprache weiterentwickelt. Es wäre sicherlich sehr interessant Tweets von Goethe zu lesen.

A: Das glaube ich auch! Aber es ist ja ein normaler und dynamischer Prozess, das Sprache sich verändert. Das war immer so und hat mit Digitalisierung nichts zu tun. Was hat sich denn durch die Digitalisierung verändert?

R: Wir erleben quasi eine Medienevolution, die extrem getrieben wird von technischen Innovationen. Damit verändern sich unsere Kommunikationsmittel und die Art, wie wir damit umgehen, grundlegend.

A: Also verändern sich vor allem die Rahmenbedingungen unserer Kommunikation? Zum Beispiel das “wie” und das “wann”?

R: Mit Hilfe unserer Smartphones sind wir heute jederzeit erreichbar, ob wir das wollen oder nicht. Gefühlt kommunizieren wir auch viel häufiger als früher, ganz einfach, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Es ist unkompliziert und praktisch, sich schnell mal mit jemanden auszutauschen, Informationen zu erfragen oder unseren Gefühlsstatus mitzuteilen.

A: Der Aspekt der Geschwindigkeit und Einfachheit ist mir auch aufgefallen. Aber was macht das mit uns als Lesern oder Empfängern von Kommunikation? Und ist das, was wir lesen oder empfangen noch wichtig für uns? Freue ich mich über Tweets genauso wie früher über eine Postkarte oder einen handgeschriebenen Brief?

R: Schwer zu sagen. Wenn ich an meine Brieffreundschaften aus der Schulzeit zurückdenke, so konnte ich die Antwort auf meine Briefe kaum erwarten.

A: Also Vorfreude auf die Antwort? Das ist bei Tweets natürlich auch denkbar. Aber was ist zum Beispiel bei einem Tweet, wenn niemand antwortet?

R: Das kommt auf die eigene Erwartungshaltung an. Warum habe ich den Post geschrieben, was war meine Intention dabei? Vielleicht will ich ja keine Antwort.

A: Das macht mich als Leserin ja irgendwie ratlos. Woher soll ich wissen, ob Du eine Antwort willst? Wie kann ich Deine Intention erkennen? Oder kann ich das gar nicht? Das war bei den alten Brieffreundschaften irgendwie leichter.

R: Ja, weil die Brieffreundschaft ja per Definition auf einem Austausch aufbaut.

A: Also auf gemeinsamen Erwartungen?

R: Ja, im Grunde schon. obwohl ich mir früher bei meinen Freundschaften manchmal eine schnellere Antwort gewünscht hätte.

A: Ja, stimmt – wobei ich auch nicht immer richtig schnell geantwortet habe… Aber hat sich der Wunsch nach Geschwindigkeit durch die sozialen Medien nicht verstärkt? Es kommt ja die Möglichkeit des “Wiederholens” und “Nachhakens” dazu.

R: Die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung erscheint mir nicht das Problem zu sein. Vielmehr gehen wir als Sender davon aus, dass unsere Nachricht für den Empfänger die gleiche Dringlichkeit hat wie für uns. Das dürfte in den meisten Fällen allerdings nicht zutreffen.

A: Das war früher ja auch so. Trotzdem haben wir dann – ungeduldig – auf die Antwort gewartet. Aber die Kombination mit der ständigen Erreichbarkeit und der Einfachheit einer Reaktion erhöht die Erwartungshaltung beim Sender.

R: Und führt oftmals beim Empfänger zu Stress, weil man die Erwartung ahnt und sich zur schnellen Reaktion verpflichtet fühlt.

A: Also sollten wir echt mal offen über eigene und fremde Erwartungen an unsere Kommunikation und unser Kommunikationsverhalten sprechen. Hältst Du ein offenes Gespräch darüber für möglich?

R: Warum sollte das nicht möglich sein?

A: Ja, gute Frage. Vielleicht weil Gespräche in den sozialen Medien – gerade auch mit vielen “Unbekannten” – manchmal schwierig sind. Was im persönlichen Gespräch gut funktioniert, kann in den sozialen Medien plötzlich eskalieren und dazu führen, dass man sich Menschen mit einer deutlich ablehnenden Haltung gegenübersieht. Was dann?

R: Ehrlich gesagt habe ich persönlich es selten erlebt, dass Themen innerhalb meiner Timeline wirklich eskaliert sind. Meistens wurde kontrovers diskutiert oder man hat am Ende festgestellt, dass aneinander vorbeigeredet wurde, weil Aussagen falsch verstanden wurden.

A: Also klassische Kommunikationsprobleme? Ich lese etwas von Dir, empfinde es vor meinem persönlichen Hintergrund auf eine bestimmte Art und Weise, antworte dementsprechend – ohne zu hinterfragen, ob Du das auch so gemeint hast.

R: Ja, das klassische Sender-Empfänger-Problem. Aber ich habe dennoch den Eindruck, dass es immer schwieriger wird, verstanden zu werden. Insbesondere auf Facebook fällt mir das bei vielen Beiträgen auf.

A: Ich sehe das auch in vielen Twitterdiskussionen und bei manchen Themen zögere ich oft auch, etwas zu schreiben, weil ich nicht sicher bin, ob es den Schreibenden/Lesenden wirklich wichtig ist, die jeweils anderen zu verstehen und miteinander zu sprechen.

R: Es kommt halt darauf an, was derjenige mit seinem Post bezwecken möchte. Will er sich selbst darstellen oder mit anderen ins Gespräch kommen.

A: Und was ist, wenn ich die Absicht falsch verstehe?

R: Das kann immer passieren. Da hilft nur rückfragen. So wie im persönlichen Gespräch auch.

A: Ja, das würde helfen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass Rückfragen oder Verständnisfragen offline oder online häufig gestellt werden. Müssen wir lernen zu fragen, bevor wir antworten?

R: Das wäre eine Möglichkeit. Wir könnten aber auch versuchen das, was andere sagen, möglichst neutral und unvoreingenommen zu hören bzw. zu lesen.

A: Das hilft aber nur dann, wenn “alle” das tun, sonst wird man möglicherweise zum komischen Außenseiter, der alle versteht und keine eigene Meinung äußert.

R: Etwas verstehen bedeutet ja nicht, dass ich damit einverstanden bin. Ich kann dazu durchaus eine andere Meinung haben.

A: Völlig richtig. Aber in vielen Diskussionen wird genau diese Unterscheidung nicht (oder nicht mehr) gemacht. Fühlen wir uns vielleicht deswegen online manchmal hilflos und überfordert, weil wir zwar ständig kommunizieren aber keine Kommunikationsexperten sind?

R: Müssen wir das denn sein? Würde es nicht schon ausreichen, einfach nur etwas Interesse am Anderen zu zeigen? Sich für seine Sicht der Dinge interessieren?

A: Ist das nicht gerade das Sahnehäubchen gelungener Kommunikation?

R: Nicht nur das. Es würde auch unser Miteinander in allen Bereichen der Gesellschaft einfacher und verständnisvoller machen.

A: Bei Menschen, die man kennt, ist das ja schon schwierig. Aber bei Unbekannten kann das – gerade auch online – eine größere Herausforderung sein.

R: Wieso eigentlich?

A: Weil es manchmal – ohne persönliche Begegnung – sehr schwierig ist, die Sicht des anderen überhaupt wahrzunehmen.

R: Vielleicht müssen wir diese Art und Weise der Kommunikation noch lernen, um auch online andere besser zu verstehen und selbst besser verstanden zu werden.

A: Ja. stimmt. Wenn wir für heute zum Ende kommen: Was ist im Moment Dein Fazit zum Thema “digitale Reformation”?

R: Eine Erneuerung durch die Digitalisierung im Sinne einer Reformation würde ich so nicht sehen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die neuen Kommunikationsmittel und -wege, sowie die damit verbundene Beschleunigung, die schon immer vorhandenen Defizite in unserem Kommunikationsverhalten schonungslos offenlegen. Damit können wir erkennen, was wir verbessern können.

A: Das ist ein spannendes Fazit und ein guter Ausgangspunkt für das, was wir in 2018 machen werden! Danke für das tolle Gespräch!

Das Gespräch führten Astrid Christofori und Ruth Konter-Mannweiler.

* Die Anführungszeichen haben wir nachträglich ergänzt, damit die Schreibweise identisch ist mit dem Originaltext.